Wir alle spielen Rollen.
Im Job führen wir. Im Verein übernehmen wir Verantwortung. Privat sind wir Partner, Eltern, Freunde. Wir entscheiden, organisieren, überzeugen – und wollen etwas bewegen.
Und irgendwann besteht die Gefahr, dass wir unsere Rolle mit uns selbst verwechseln.
Aus «Ich habe Verantwortung» wird «Ich bin wichtig». Aus «Ich kann führen» wird «Ich muss führen». Aus «Ich habe eine Meinung» wird «Ich muss recht haben».
Vielleicht beginnt genau dort die feine Grenze zwischen gesundem Selbstbewusstsein und Ego. Nicht darin, wie stark wir auftreten. Sondern darin, ob wir unsere Stärke brauchen, um unseren eigenen Wert zu spüren.
Denn wer weiss, wer er ist, muss nicht immer gewinnen. Muss nicht jede Diskussion entscheiden. Muss nicht ständig gesehen werden.
Man könnte daraus eine einfache Regel machen: Charakter zeigt sich dort, wo wir auf Macht verzichten.
Doch auch der Verzicht kann eine Pose sein. Das «Ich habe das nicht mehr nötig» ist manchmal nur die elegantere Art, recht zu behalten.
Charakter zeigt sich deshalb nicht im Verzicht allein. Sondern auch darin, Macht zu benutzen, wenn es nötig ist, und die Verantwortung dafür zu tragen. Zu entscheiden, wenn niemand entscheiden will. Zu führen, ohne sich daran zu berauschen.
Im Geschäft. Im Verein. In einer Beziehung. Überall dort, wo es einfacher wäre, sich zurückzuziehen – oder sich wichtig zu nehmen.
Vielleicht kennst du den Moment. Ein Abend, die Arbeit ist getan, das Telefon bleibt still. Niemand braucht eine Entscheidung, niemand wartet auf dich. Und statt Ruhe kommt für einen Augenblick etwas Unbequemes: das Gefühl, gerade überflüssig zu sein. Du nimmst das Handy in die Hand, ohne Grund, und schaust nach, ob doch jemand geschrieben hat. Hat niemand.
Wolf Lotter bringt es auf zwei Worte: Langeweile muss man aushalten. Genau das fällt in solchen Momenten schwer – die Stille nicht gleich zuzudecken, nicht sofort nach dem nächsten Grund zu greifen, gebraucht zu werden.
Rollen wechseln. Titel verschwinden. Anerkennung kommt und geht.
Man hört oft: Was bleibt, sind wir selbst – als läge unter allen Rollen ein fertiges Ich, das nur darauf wartet, freigelegt zu werden.
So einfach ist es wohl nicht. Wir sind zu einem grossen Teil aus unseren Beziehungen gemacht. Gebraucht zu werden ist nicht nur Nahrung fürs Ego. Manchmal ist es schlicht das, was einen Menschen ausmacht.
Deshalb trifft die Frage nicht jeden gleich.
Den einen befreit sie: endlich nicht mehr die Rolle, endlich Luft. Den anderen stellt sie vor eine Leere, die sich nicht wie Freiheit anfühlt.
Beides ist ehrlich.
Die schwerste Aufgabe ist darum vielleicht nicht, andere zu überzeugen, zu organisieren, zu führen.
Sondern uns selbst auszuhalten – mit Rolle und ohne.
Wer bist du, wenn gerade niemand etwas von dir braucht?
Ich weiss es nicht immer. Und ich höre langsam auf, so zu tun, als müsste ich es wissen.